Konstanzer KI-Studie 2026

Ein Viertel der Beschäftigten in produktionsnahen Tätigkeiten nutzt KI, in der Büroarbeit ist es die Hälfte. SAP will die Lücke unter anderem mit Sprachsteuerung schließen. Die Konstanzer KI-Studie 2026 zeigt, warum das allein nicht reicht.

SAP hat auf der Sapphire im Mai 2026 die mobile Joule Work App und eine Sprachsteuerung vorgestellt, die ausdrücklich auf Beschäftigte ohne festen Bildschirmarbeitsplatz zielt. Die dritte Welle der “Konstanzer KI-Studie 2026: Verlangsamtes Wachstum der KI-Nutzung am Arbeitsplatz, aber nicht für alle Beschäftigte gleichermaßen – Ergebnisreport September 2026” liefert zeitgleich die Bestandsaufnahme dazu – und sie fällt ernüchternd aus. Die Lücke zwischen Wissens- und Produktionsarbeit besteht über drei Erhebungswellen hinweg fort. Für HR und IT stellt sich damit eine unbequeme Frage: Ist der fehlende Zugang wirklich das Hauptproblem?

Die Nutzungslücke bewegt sich nicht

49 Prozent der Beschäftigten in Büro- und Wissensarbeit nutzen KI bei der Arbeit, in produktionsnahen und körperlichen Tätigkeiten sind es 25 Prozent (siehe Grafik unten). Beide Gruppen sind gegenüber dem Vorjahr um jeweils vier Prozentpunkte gewachsen. Der Abstand bleibt damit exakt bestehen. Eine Annäherung zeichnet sich nach drei Erhebungszeitpunkten nicht ab.
Nach Bildungsniveau fällt der Unterschied noch schärfer aus. 56 Prozent der Beschäftigten mit abgeschlossenem Studium nutzen KI, gegenüber 21 Prozent bei niedrigem Bildungsabschluss. Die Studie von Prof. Dr. Florian Kunze und Kolleginnen am Future of Work Lab der Universität Konstanz beruht auf 1.105 Fragebögen aus Mai 2026. Ihr Befund ist eindeutig: Die Verbreitung von KI verringert bestehende Unterschiede nicht, sie schreibt sie fort.

Quelle: Kunze, F., Opitz, C. & Gerdiken, E. (2026): Konstanzer KI-Studie 2026 –
Verlangsamtes Wachstum der KI-Nutzung am Arbeitsplatz, aber nicht für alle
Beschäftigte gleichermaßen. Ergebnisreport September 2026, Future of Work
Lab, Universität Konstanz; eigene Darstellung.

SAP antwortet mit Sprache statt Bildschirm

Technologisch ist die Antwort auf diese Lücke bereits formuliert. Die Joule Work Mobile App ist laut SAP allgemein verfügbar. Die Sprachfunktion entsteht über eine Partnerschaft mit LiveKit, einem US-Anbieter für Echtzeit-Sprach-KI. Sie läuft derzeit über das SAP Early Adopter Care Programm; die allgemeine Verfügbarkeit ist nach Angaben von SAP für die zweite Jahreshälfte 2026 vorgesehen.

Die Zielgruppe benennt SAP im Innovation News Guide zur Sapphire 2026 unmissverständlich: Beschäftigte, deren Arbeit fernab einer Tastatur stattfindet. Genannt werden Fertigung, Logistik und Außendienst. Die Logik dahinter ist plausibel. Wer Handschuhe trägt, im Lager unterwegs ist oder am Patientenbett steht, öffnet keine Menüstruktur. Die Oberfläche war für diese Gruppe nie gebaut.

Dahinter steht ein grundsätzlicher Anspruch. Statt sich durch Anwendungen zu navigieren, sollen Beschäftigte formulieren, was sie erreichen wollen; Joule koordiniert die Schritte über die beteiligten Systeme. Für Self-Services im HR-Umfeld, also Employee- (ESS) und Manager Self-Services (MSS), ist das mehr als eine neue Bedienform. Es verschiebt die Schwelle, ab der sich ein digitaler Prozess für eine kurze, seltene Handlung überhaupt lohnt – und genau solche Handlungen prägen den HR-Kontakt gewerblich Beschäftigter.

Ein Schichtwechsel als Testfall

Ein konkreter Fall macht den Unterschied zwischen Anspruch und Alltag greifbar. Ein Maschinenführer meldet sich um 5:40 Uhr krank. Bisher ruft er in der Meisterei an, jemand notiert das handschriftlich, die Zeitwirtschaft wird Stunden später gepflegt, die Schichtlücke bleibt bis zum Frühstück offen. Im Zielbild spricht er die Abwesenheit in sein Mobiltelefon, das System erfasst sie, informiert den Schichtleiter und schlägt Kolleginnen und Kollegen mit passender Qualifikation vor.

Der Zeitgewinn ist real. Entscheidend ist jedoch, was davor passieren muss: Der Mitarbeiter braucht ein Endgerät, eine Berechtigung, eine Anmeldung, die in der Halle funktioniert, und gepflegte Qualifikationsdaten im System. Keine dieser Voraussetzungen entsteht durch die Sprachfunktion.

Die Lücke liegt nicht nur an der Oberfläche

Die Konstanzer Daten legen nahe, dass die Bedienoberfläche nur ein Teil der Erklärung ist. 35 Prozent der Beschäftigten in Büro- und Wissensarbeit erwarten positive Auswirkungen von KI auf ihre Arbeit, in produktionsnahen Tätigkeiten sind es 18 Prozent. Als klare Chance sehen KI 27 Prozent in der Wissensarbeit und 17 Prozent in der Produktion.

Aufschlussreich ist die Gegenprobe: Als Belastung nehmen KI 11 Prozent in der Büroarbeit und 13 Prozent in der Produktion wahr. Der Unterschied zwischen den Gruppen liegt also kaum in der Abwehr, sondern in der Erwartung. In der Produktion fehlt seltener die Bereitschaft als die Vorstellung davon, was KI für die eigene Tätigkeit überhaupt leisten könnte.

Auch Angst um den Arbeitsplatz erklärt den Abstand nicht. Die wahrgenommene Arbeitsplatzunsicherheit liegt in beiden Beschäftigungsgruppen niedrig und unterscheidet sich nur geringfügig; gegenüber dem Vorjahr ist sie sogar leicht gesunken. Einen KI-bedingten Rückgang von Einstiegspositionen beobachten 12 Prozent in der Produktion und 13 Prozent in der Büroarbeit. Die verbreitete Erzählung von der verunsicherten Werkshalle findet in den Daten keine Stütze.

Ein weiterer Befund sollte HR-Verantwortliche aufhorchen lassen. Die Bereitschaft zur Weiterbildung im Bereich KI ist in beiden Gruppen um rund 15 Prozentpunkte gesunken. Die Studienautoren halten mehrere Erklärungen für möglich, darunter bereits absolvierte Schulungen und die zunehmend intuitive Bedienung der Werkzeuge. Für die Praxis bedeutet das in jedem Fall: Das Zeitfenster, in dem Qualifizierungsangebote auf hohe Eigenmotivation treffen, schließt sich gerade.

Dazu passt ein weiterer Befund. Unter den KI-Nutzenden sprechen in der Wissensarbeit 51 Prozent offen über ihren Einsatz, in produktionsnahen Tätigkeiten 28 Prozent. 16 Prozent dieser Gruppe halten ihre Nutzung eher zurück oder fühlen sich unwohl dabei, gegenüber 7 Prozent in der Büroarbeit. Wo Erfahrungen nicht geteilt werden, entsteht kein kollegiales Lernen. Verstärkt wird das dadurch, dass je nach Unternehmensgröße nur 16 bis 25 Prozent der Beschäftigten ihre direkte Führungskraft als Ansprechpartnerin für KI-Themen erleben.

Sprache verschärft die Mitbestimmungsfrage

Ein Sprachkanal ist mitbestimmungsrechtlich kein mobiles Formular. Wer Abwesenheiten, Schichtzuordnungen und Qualifikationsabgleiche über ein System führt, das Verhalten und Leistung erfassen kann, löst die zwingende Mitbestimmung gemäß dem Betriebsverfassungsgesetz aus. In der Produktion trifft das auf Betriebsräte, die Leistungsdatenerfassung traditionell sehr genau prüfen.

Hinzu kommt eine Grenze aus dem EU AI Act, die beim Thema Sprache oft übersehen wird: Systeme zur Emotionserkennung am Arbeitsplatz zählen zu den verbotenen Praktiken und sind seit Februar 2025 untersagt, von eng gefassten Ausnahmen für Sicherheit und Gesundheit abgesehen. SAP kündigt eine solche Funktion nicht an. Trotzdem gehört die Frage, was mit Stimmaufnahmen geschieht, ob sie gespeichert werden und welche Merkmale das System auswertet, in jede Betriebsvereinbarung zum Sprachkanal.

Was offen bleibt

Drei Punkte verdienen Zurückhaltung. Erstens die Verfügbarkeit: HR-spezifische Assistenten stellt SAP für die SAP SuccessFactors HCM-Suite bereit. Unternehmen, die ihre Personalprozesse weiterhin in SAP ERP HCM oder in SAP HCM for S/4HANA (H4S4) On-Premise betreiben, erreichen die Szenarien in dieser Tiefe nicht. Für Industriebetriebe mit gewachsener Zeitwirtschaft ist das die eigentliche Hürde.

Zweitens der Reifegrad. Die Sprachintegration befindet sich im Early-Adopter-Stadium, die allgemeine Verfügbarkeit ist angekündigt, nicht ausgeliefert. Angekündigtes sollte in Roadmaps als solches behandelt werden.

Drittens die Endgerätefrage. Ein Sprachassistent setzt ein dienstliches Mobilgerät oder eine belastbare Regelung im Falle der Nutzung privater Endgeräte voraus. In vielen Produktionsbereichen existiert beides nicht. Diese Herausforderung taucht in keiner Funktionsankündigung auf, entscheidet aber maßgeblich über den Rollout und die Akzeptanz der Lösung.

Fazit: Zugang ist die Voraussetzung, nicht die Lösung

Die mobile App und die Sprachsteuerung beseitigen eine Barriere, die lange bestand. Sie beseitigen nicht die Unterschiede, die die Konstanzer Studie über drei Jahre hinweg misst. Beschäftigte in der Produktion nutzen KI seltener, erwarten weniger von ihr und sprechen seltener darüber – bei fast gleicher Belastungswahrnehmung. Das ist kein Problem des Unser Interfaces, sondern eine Frage von Anwendungsfällen, Enablement, Leadership und Kommunikation. Wer die Technologie ausrollt, ohne diese Punkte zu bearbeiten, wird die Lücke in der vierten Erhebungswelle mit hoher Wahrscheinlichkeit unverändert wiederfinden.

Details zur Konstanzer KI-Studie 2026

Weitere Details zu der Studie “Verlangsamtes Wachstum der KI-Nutzung am Arbeitsplatz, aber nicht für alle Beschäftigte gleichermaßen – Ergebnisreport September 2026” finden Sie hier.

Michael Scheffler

Michael Scheffler ist Co-Founder und Managing Director der ANNEXT GmbH. Seit 1998 bewegt er sich im SAP HCM-Ökosystem: Von klassischem SAP ERP HCM über H4S4-Migrationen und System Landscape Transformations bis zu internationalen SAP SuccessFactors-Rollouts. Sein Fokus: Künstliche Intelligenz im HR und die intelligente HR-Transformation. Als Host des Podcasts ViTalk HR und Computerwoche-Autor teilt er regelmäßig Perspektiven aus der Praxis.